Zur Schutzwirkung römischer Panzerung des 1. Jh. n.Chr. gegenüber Pfeilbeschuß im Experiment.  

Einführung

Bei Durchsicht der historischen Schriftquellen der Antike mag der Eindruck entstehen, Bogenschützen seien zwar oft und regulär zum Einsatz gekommen, hätten jedoch keine wesentliche Bedeutung für die Kampfhandlungen im einzelnen besessen. Die Militärschriftsteller dagegen weisen mehrfach auf die Bedeutung der sagittarii hin (u.a.Vegetius epitoma 1,15). Diese offenbare Geringschätzung der Bogenwaffe durch die Historiker mag daher rühren, daß die sagittarii zu den Hilfstruppen (Auxilia) zählten und den Geschichtsschreibern daher weniger bedeutsam erschienen als die Angehörigen der Legionsinfanterie. Vielleicht aber stufte man den Bogen auch eher als `mechanisches Hilfsmittel´ denn als soldatische Waffe ein; genauso wie auch der Anteil der Artillerie am Schlachtgeschehen relativ selten erwähnt wird.
Auch im Hinblick auf eine Schutzwirkung gegenüber Pfeilbeschuß wurde in der römischen Armee eine Körperpanzerung verwendet, die im 1.Jh.n.Chr. vorwiegend aus dem sogenannten Kettenhemd (lorica hamata) oder dem Segmentpanzer (lorica segmentata, moderne Bezeichnung) bestand. Der Kettenpanzer war in der Regel aus ineinander greifenden eisernen Ringen gearbeitet, jeweils im Wechsel gestanzte (anuli) und Ringe aus Draht (hami), deren Enden zugenietet waren.

Der Segment~ oder Schienenpanzer hingegen bestand aus beweglich auf ein System von Lederriemen aufgesetzten, geschmiedeten Blechen.

Die Stärke der gefundenen Blech-Fragmente reicht von etwa 1,2 - 1,7 mm. Bei einigen Fundstücken liegt die Stärke bei circa 2 mm, und in Carnuntum (Deutsch Altenburg, Österreich) wurden Schultersegmente mit 3 mm Stärke ausgegraben, was nach älteren Normen des 20. Jh. sogar für Feuerwaffen als schußsicher gilt. Diese Angaben für die Blechmaße sind bereits bereinigt, also ohne Rostverlust oder -aufblätterung.

Die Ringe der Kettenpanzer kommen in recht unterschiedlichen Dimensionen vor. Im Durchschnitt sind die anuli allerdings etwa 9 mm groß, bei einer Öffnung von etwa 6 mm und ca 1,5 - 1,6 mm Dicke. Es kommen jedoch auch erheblich größere und ebenso auch kleinere Ringe vor. Beide Panzertypen waren auf die Protektion von Oberkörper, Schultern und Oberarmen ausgelegt, wobei der Segmentpanzer bereits knapp unterhalb des Beckenkammes endete, während das Kettenhemd in der Regel etwa ein Drittel der Oberschenkel bedeckte.
Im Vergleich zum nicht eben reichhaltigen Fundgut von Panzerungen, nimmt sich das Bodeninventar zur Bogenwaffe noch bescheidener aus. Da die Bögen ausschließlich aus organischem Material bestanden, blieben Teile davon naturgemäß nur in seltenen Ausnahmefällen erhalten. Ein solcher Glücksfall liegt etwa mit dem Fund mehrerer Hornenden vor, die jetzt im Huntarian Museum (Glasgow) aufbewahrt werden. Horn-Teile dieser Art gehören zu Komposit-(Reflex-)Bögen, die aus einem Holzkern bestanden, der vorn mit Sehnen und hinten mit Horn armiert war. Beim Spannen wurde das Horn gestaucht und die Sehnen erfahren eine Dehnung. Infolge dieser Bauweise entsteht eine optimale Gewichts-Leistungs-Relation und die Abmessungen der Waffe konnten relativ klein gehalten werden. Bild

Die erhaltenen Darstellungen in der Reliefkunst zeigen zwar durchgehend diese kurzen Bögen, jedoch entspricht deren Form vermutlich nicht der antiken Realität. Einzig die Abbildung auf dem Grabstein eines Bogenschützen aus Housesteads (Hadrian's Wall), jetzt im Museum of Antiquities, Newcastle upon Tyne, scheint der tatsächlichen Gestalt der Bögen nahezukommen. Bild

Eiben-Langbögen lassen sich auf keiner Darstellung identifizieren und sind, wahrscheinlich zuvorderst wegen ihrer vergänglichen Beschaffenheit, auch im Fundgut nicht nachweisbar. Ob der Langbogen in der Antike Verwendung fand oder nicht, läßt sich aufgrund fehlender Evidenz im Augenblick nicht sicher klären.
Naturgemäß sind die metallenen Pfeilspitzen im archäologischen Material sehr viel zahlreicher vertreten. Die häufigsten Geschoßtypen sind zum einen dreiflügelige, zum anderen pyramidenförmige Projektile, sogenannte "Bodkin"-Spitzen. Außerdem kommen noch Spezial-Geschosse vor, etwa Brandpfeil-Spitzen, die als kleines dreiteiliges Körbchen ausgeführt waren. Sie konnten mit ölgetränktem Textil oder ähnlichem Material gestopft werden, das dann brennend auf hölzerne Belagerungs-Geräte, Verschanzungen oder Gebäude verschossen wurde. Seltener kommen zweiflügelige Blattspitzen mit Widerhaken vor. Diese waren vergleichsweise einfach herzustellen, weswegen ihre geringe Verbreitung überrascht. Bild .


Vergleichende Untersuchung zu den Materialeigenschaften antiker Bewaffnung und der zur Rekonstruktion verwendeten Metalle.

Der Gebrauchswert von Angriffs- wie auch Schutzwaffen aus ferritischem Material beruht in erster Linie auf deren Festigkeit (Härte). Zur Ermittlung dieser Materialhärte eignet sich am besten das sogenannte "Vickers-Härteprüfverfahren". Im vorliegenden Fall wurde ein "Shimazu HSV 20" Härteprüfgerät mit einem Prüfbereich von HV (Vickershärte) 1-20 verwendet. Bei dieser Methode wird vermittels der zuvor genannten Apparatur auf der zu messenden Metalloberfläche, eine Diamantpyramide mit quadratischer Grundfläche und einem Flächenöffnungswinkel von 136°, mit einer definierten Kraft eingedrückt. In den nachfolgenden Versuchen beträgt diese Prüfkraft 1000 g (9,80665 N). Anhand des Diagonalmaßes des entstandenen pyramidalen Eindrucks läßt sich nunmehr der Härtewert in "HV" ermitteln. Es gilt der Grundsatz: Härte ist der Widerstand, den ein Stoff dem Eindringen eines anderen entgegensetzt.


1. Kettenpanzer lorica hamata Bild
Bezüglich der Herstellung von Kettenpanzern nach römischem Vorbild sei auf die Arbeit von David Sim in Britannia, Vol.XXVIII, 1997 verwiesen.
D.Sim weist in seinem Experiment an gestanzten und anschließend über einem Leerdorn durch Hämmern kalibrierten Ringen einen Anstieg der Härte von ursprünglich 146 HV auf 210 HV nach. Diese Zunahme der Härte um rund 25% ist auf die mechanische Maßnahme der sogen. Kaltverfestigung zurückzuführen. Mikroskopische Untersuchungen an gestanzten Originalringen aus Nydam (187 HV) und Thorsberg (191 HV) belegen durch identische Hammerspuren an den Außenkanten und Quetschungen des grobkörnigen Stanzgefüges an den Innenkannten, eine offenbar identische Materialbearbeitung wie im Experiment.
Gebogene und anschließend vernietete Ringe wurden bereits in der Antike aus Draht hergestellt. Als Ausgangsmaterial verwendete man das relativ weiche und damit für den Ziehvorgang hervorragend geeignete Schmiedeeisen. Dieses, in Rennfeuertechnik aus sogen. "Luppen" gewonnene Rohmaterial wurde durch einen allerdings sehr arbeitsintensiven Schmiedeprozeß von Schlacken befreit und soweit verfeinert (raffiniert), bis in seinem Inneren eine langfaserige, strähnige Struktur entstand. Der eigentliche Ziehvorgang gestaltete sich sodann folgendermaßen: Nachdem man aus dem zuvor genannten Rohmaterial dünne Eisenstäbe mit einem Durchmesser von ca. 5 mm geschmiedet hat, werden diese erneut ausgeglüht, sauber gebürstet, an der Luft abgekühlt und anschließend mit Bienenwachs oder Rinderfett eingerieben. Danach erfolgt das Ziehen der Stäbe durch die Löcher einer sogen. Ziehplatte. Die Perforationen dieser Eisenplatte sind leicht konisch ausgebildet und weisen abnehmende Durchmesser auf. Das konsekutive Ziehen der anfangs noch recht kräftigen Eisenstäbe durch die sich kontinuierlich verjüngenden Löcher der Ziehplatte führt letztlich zur entstehung eines Drahtes von beliebiger Dicke. D.Sim konnte in seinen Versuchen einen Anstieg der Vickers-Härte bei ausgeglühtem (normalisiertem) Grundmaterial von initial 100 HV auf 159 HV nach dem Ziehvorgang feststellen. In Anbetracht der Tatsache, daß die Drahtherstellung in der Antike mit hoher Wahrscheinlichkeit nach dem gleichen Prozedere abgelaufen ist wie oben beschrieben wurde, kann auch von den gleichen Härtewerten beim Endprodukt, dem vernieteten Ring ausgegangen werden. Demgegenüber weist das von uns verwendete, moderne Material eine um ca. 25% höhere Härte auf (211
HV). Es kann allerdings unterstellt werden, daß bei den Drahtringen die Härte des Ringanteiles von untergeordneter Bedeutung ist, da sich der Nietbereich als entscheidend für die Widerstandskraft gegenüber Gewalteinwirkung gezeigt hat.
Die für die gestanzten Ringe gemessene Härte von 185 HV korreliert sehr gut mit den von Sim ermittelten Werten.

2. Segmentpanzer ( sogen. lorica segmentata) Bild
In Anbetracht fehlender Daten zu den Härtewerten von Segmentpanzerblechen bzw. deren Bruchstücken aus römischer Zeit, können als Vergleichswerte nur die von H.Riesch und K.Becker in ihren "Untersuchungen zu Metallurgie und Effizienz merowingerzeitlicher Lamellenpanzer" (Archäolog. Korrespondenzblatt 32, 2002) ermittelten Daten zugrunde gelegt werden. Die Autoren weisen für Original-Panzerlammellen aus dem frühen Mittelalter Härten von 159-233 HV nach. Davon ausgehend, daß sich die Schmiedetechnik seit dem 1. Jh.n.Chr. bis zu dieser Zeit nicht wesentlich geändert hat, müßte analog für Segmentpanzerbleche der frühen Kaiserzeit mit einer Härte von 150 - 250 HV gerechnet werden.
Um Anhaltspunkte für die Richtigkeit dieser Theorie zu gewinnen, wurde experimentell, d.h. mittels einer Schmiedetechnik, die in gleicher Form bereits in der Antike Verwendung gefunden haben wird, ein modernes kohlenstoffarmes Grundmaterial (Baustahl, Typ 235 JR, Werkstoff Nr.1.0037) von 30 mm Breite u. 5 mm Stärke, in Freiformschmiedetechnik, von Hand auf 120 mm Länge, 50 mm Breite u. 1.5 mm Stärke ausgereckt. Beim 1. Versuchsansatz erfolgte die Härtemessung sodann nach einem anschließenden Erhitzen auf 900 ° C und Abkühlen an der Luft (Normalisieren). Es fanden sich durchschnittliche Werte für die geschmiedeten Zonen von 159 HV, wohingegen das unbehandelte Grundmaterial (Baustahl, s.o.) eine Härte von 135 HV aufwies. Beim 2. Versuch wurde das geschmiedete Blech nach dem Erhitzen in kaltem Wasser abgeschreckt. Die Härtemessung ergab jetzt einen Durchschnittswert von 357 HV. Der abschließende 3. Versuchsansatz gestaltete sich zunächst wie unter 1. beschrieben, jedoch mit einer Materialdicke von 1.7 mm, die durch "Kalthämmern" auf eine Stärke von 1.5 mm zurückgeführt wurde. Hierbei ergab die anschließende Härtemessung einen durchschnittlichen Wert von 176 HV.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, daß selbst für gladii (Infanterieschwerter) des späten 1. Jh. z.T. nur Härten von 150-212 HV nachgewiesen wurden (M.Junkelmann Die Reiter Roms III, 1992 S.133). Somit ergibt sich eine recht gute Korrelation zwischen unseren experimentell ermittelten Werten und den Daten aus den Untersuchungen von Originalmaterial.
Demgegenüber lagen die Härtewerte der von uns zu Beschußzwecken verwendeten Bleche eher noch in einem niedrigen Bereich: Feinblech (nach DIN 10130), Stärke 1 mm, Härte 116 HV; Feinblech (nach DIN 10130), Stärke 1.5 mm, Härte 129 HV.

Panzerrekonstruktionen im Beschußexperiment.
Bei den im Versuch zum Einsatz gekommenen Bögen handelte es sich zum einen um die Nachbildung eines traditionellen Ungarischen Bogens mit einem Auszugsgewicht von 61 lbs (1 lb= engl. Pfund = 451 g ), sowie einen modernen Glasfiber-Recurve-Bogen mit 72 lbs. Auszugsleistung. Die Pfeilschäfte sind aus Zedernholz gefertigt (Maße 60-65) und ebenfalls handelsüblich. Als Replik einer `lorica segmentata' verwendeten wir Eisenbleche in einer Stärke von 1 bzw. 1.5 mm, entweder in typ. überlappender Anordung (1.5mm-Dicke), oder einfach nur als Blechplatte (1 mm). Bild
Als `lorica hamata' benutzen wir ein 20x20 cm großes Geflecht aus abwechselnd gestanzten und vernieteten Kettenringen, in der Größe ( gestanzte Ringe: 9/6 mm Durchmesser, Dicke 1.2 mm, vernietete Ringe: 10/9 mm ). Die Unterpanzerung für das Kettenhemd (thoracomachus) bestand aus mit Roßhaar bis zu max. 1.5 cm Dicke aufgefüttertem, gestepptem Leinenstoff. Bild
Für den Beschuß wurden die Replikate auf Strohballen befestigt.
Die von uns verwendeten Pfeilspitzen stellen größtenteils Repliken von Funden aus verschiedenen Ausgrabungsstätten, wie etwa Kaiser-Augst, Saalburg, Kalkriese oder Oberammergau, dar. Bild

In typologischer Hinsicht lassen sich 4 verschiedene Arten von Spitzen unterscheiden:
1. die pyramidal geformte, mit unterschiedlichen Maßen für die Breite der Basis bzw. die Spitzenlänge versehene, sogen. "Bodkin"-Spitze"; Bild
2. eine einfach spitz-konisch geformte, sogen. "Nadelspitze"; Bild
3. 2-flügelige Blattspitzen mit und ohne Widerhaken; Bild
4. sowie eine dreiflügelige Spitze. Bild
Bis auf die dreiflügelige Spitze, die dem Schaft mit einem Dorn aufsitzt, sind alle übrigen Spitzen mit einer Tülle ausgestattet, die entweder dem Schaft teilweise aufgesetzt, somit breiter als dieser ist, oder aber den gleichen Durchmesser wie der Schaft aufweisen.

Zusammenfassung der Ergebnisse:
1. 1.5-mm-Blech kann bei einer Schußentfernung von 4-5 m von keiner Projektilspitze durchschlagen werden. Es bilden sich allenfalls Impressionen bzw. kleinere Perforationen. Bild
2. 1-mm-Blech wird in Abhängigkeit von der Bogenleistung und der Beschaffenheit nur von "Bodkin-Spitzen" teilweise oder vollständig durchschlagen. Bild
3. Kettengeflecht: hier ist eine Differenzierung der Ergebnisse nach Art der verwendeten Pfeilspitzen erforderlich.
3a. Eine schmale Blattspitze (1.3 cm Durchmesser) federt entweder zurück oder durchschlägt das Geflecht bis zu einer Penetrationsdistanz von max. 2-3 cm. Bild
3b. Breite zweiflügelige oder die dreiflügeligen Spitzen (Durchmesser 2.3 cm) werden ebenfalls z.T. zurückgeworfen oder durchdringen das Kettensegment inklusive der Unterlage allenfalls um wenige Millimeter.Bild
3c. "Bodkin-Spitzen" mit breiterem Tüllen-/Schaft- als Spitzendurchmesser - gemessen jeweils in beiden Ebenen - erreichen eine max. Penetration von 3 cm über die Unterpolsterung hinaus. Gleichermaßen verhält sich die sogen. "Nadelspitze".Bild
3d. "Bodkin-Spitzen" mit breiterem Spitzen- als Tüllen- oder Schaftdurchmesser durchschlagen die Panzerung in Abhängigkeit von der Länge der Spitze, 11 bzw. 16 cm. Bild

In keinem Fall gelingt es, einen gestanzten Ring zu durchschlagen. Die getroffenen Ringe zeigen nur Kratzspuren, keine sonstigen Reaktionen. Vernietete Ringe werden zuvorderst an der Nietstelle, die sich als schwächster Punkt des Kettengeflechts erweist, weniger häufig am Übergang zwischen zylindrischem und flach gehämmertem Ringanteil durchschlagen.
Als besonders Bemerkenswert bei den Versuchen stellen sich 2 Nebeneffekte heraus: zum einen ist die Roßhaarunterpolsterung in der Lage, bei den o.g. breiteren Projektilen, die über das Kettengeflecht hinausgehende Penetration weitgehend zu absorbieren; zum anderen zeigt sich eine zwingenartige Einklemmung des Pfeischaftes oder der Tülle nach Durschlagung der Kettenglieder dergestalt, daß die eingeklemmten Pfeilanteile nur mit allergrößter Mühe und erheblicher Gewaltanwendung, zumeist nur unter gleichzeitiger Beschädigung des Schaftes, mit einer rotierenden und gleichzeitig ziehenden Bewegung wieder entfernt werden können.

Zusammenfassung:
Das Ziel der vorliegenden Untersuchung bestand darin, das Verhalten einer antiken Schutzpanzerung ( lorica segmentata bzw. hamata), so wie sie etwa in der Zeit des 1.-2. Jh. n.Chr. in der Römischen Armee getragen wurde, gegenüber einem experimentellen Pfeilbeschuß aus einer Entfernung von 4-5 m, mit den zur damaligen Zeit üblichen Pfeilpitzen, zu überprüfen. Dabei wurde auf die Einbeziehung eines Schuppenpanzers in die Versuchsanordnung bewußt verzichtet, da die Eigenschaften dieser Panzerung im Grunde einer Kombination von Segment- u. Kettenpanzer entsprechen. In Abhängigkeit von der Materialstärke kann dabei die "lorica squamata" eher die Qualität der "lorica segmentata" erreichen, wenn etwa eine größere Dicke und Oberfläche der Schuppen die Flexibilität des Verbundes insgesamt deutlich beeinträchtigt, oder aber mehr die Besonderheiten eines Kettenhemdes, mit dessen hoher Elastizität, bei geringerer Dicke und kleineren Abmessungen der Schuppen, imitieren.
Bei der Untersuchung stellte sich heraus, daß ein Segmentpanzer mit einer Blechdicke von 1.5 mm wahrscheinlich gegenüber jedwedem Beschuß aus der Distanz immun gewesen sein dürfte. Bei einer Materialdicke von 1 mm bestand grundsätzlich die Möglichkeit einer Perforation mittels "Bodkin-Spitzen", jedoch dürfte selbst hierbei für eine ernsthafte Verletzung die Pfeilenergie, bei einigermaßen realistischen Entfernungen, nicht ausgereicht haben. Ein Problem in diesem Zusammenhang stellt die fehlende Kenntnis der Leistungsfähigkeit antiker Kriegsbögen dar. In Anbetracht der geringen archäolog. Evidenzen erscheint es derzeit unmöglich eine auch nur annähernd sichere Aussage etwa über das üblicherweise in dem von uns betrachteten Zeitrahmen verwendete Auszugsgewicht eines Kompositbogens zu machen.
In unseren ballistischen Berechnungen, die naturgemäß daran kranken, daß der für das Ergebnis entscheidende Cw-(Widerstandsbei-)Wert im Grunde jeweils nur für einen Pfeil, oder aber absolut baugleiche Projektile verwendet werden kann, wurden die Daten für eine Anfangsgeschwindigkeit (V0) von 50 bzw. von 70 m/sec zugrundegelegt. Dabei repräsentiert die Darstellung in dieser Tabelle die Meßergebnisse für unseren 61-lbs-Bogen und in dieser Tabelle die Verhältnisse eines Bogens von etwa 80 lbs, bei ansonsten identischen Verhältnissen wie in der vorhergenden Berechnung. Diese Bogenleistungen erscheinen uns für die Antike am ehesten als repräsentativ, wobei auch Bögen mit einer Zugkraft von 90 lbs und mehr sicher technisch herstellbar waren, es sprechen jedoch eine Reihe von Argumenten, die hier nicht diskutiert werden sollen, gegen den Einsatz solcher Bögen im Allgemeinen.

Die Graphik in dieser Tabelle läßt erkennen, daß die Aufprallenergie in Joule, die benötigt wird, um das in der o.g. Versuchsanordnung verwendetet Kettenhemd mit einer "Bodkin-Spitze" zu durchschlagen, 54 J bei einem Abstand von 4-5 m beträgt. Diese Energie wird von einem Bogen, der eine Anfangsgeschwindigkeit von 70 m/sec erzeugt, entsprechend etwa einem Auszugsgewicht von ca. 80 lbs, gemäß den Daten in dieser Tabelle, noch in einer Entfernung von 80 m unter gleichen Voraussetzungen (Pfeilgewicht, Cw-Wert, Schußwinkel von 10°, somit annähernd horizontale Flugbahn) erreicht. Mithin weist die "lorica hamata" in der oben beschriebenen Ausführung, gegenüber einem Beschuß mit einer "Bodkin-Spitze", die sich gegenüber diesem Panzertyp als die mit Abstand wirksamste erwies, rein rechnerisch eine nur mäßige Schutzfunktion auf. Bei Verwendung von geflügelten Spitzen allerdings dürfte auch das Kettenhemd auf die Distanz ein stärkeres Hindernis dargestellt haben. Als besonders vorteilhaft bei dieser Panzerung erweist sich sodann der Umstand, daß, anders als beim Segmentpanzer, ein wesentlich größerer Anteil des Körpers geschützt wird. Insbesondere der Unterbauch erfährt eine vollständige Bedeckung, verbunden mit einer, in dieser Körperregion noch höheren Effizienz des Kettenhemdes im Vergleich etwa zum Brustkorb. Diese bessere Schutzfunktion resultiert aus dem Prinzip, das bei den heutigen schußsicheren Westen realisiert ist. Es besteht aus einer Kombination aus hoher Reißfestigkeit bei gleichzeitiger Elastizitiät des Materials. Genau diesen Effekt erzielt das Kettenhmemd im Bereich der Bauchweichteile. Im Gegensatz dazu stellt etwa der Brustkorb, und das nicht nur über den knöchernen Anteilen selbst, sondern auch in den Zwischenrippenräumen, eine relativ starre Unterlage dar, was die Effizienz der Schutzpanzerung deutlich reduziert. Die Tatsache eines wirksamen Schutzes der Bauchweichteile stellt insofern einen nicht zu überschätzenden Vorteil dar, als die Antike keine Chirurgie der großen Körperhöhlen - Bauch- oder Brusthöhle - kannte. Kam es insofern zum Eindringen eines mit Widerhaken versehenen Geschosses in den Bauchraum, so konnte das Projektil - am wirkungsvollsten dürften in diesem Zusammenhang die dreiflügeligen Pfeilspitzen gewesen sein - kaum mehr entfernt werden, da eine operative Intervention mit einem genauso großen Risiko behaftet gewesen wäre wie das Belassen der Spitze im Bauchraum. Ein tödlicher Ausgang innerhalb eines mehr oder minder großen Zeitraumes war weitgehend sicher.
Voraussetzung für die optimale Schutzwirkung der "lorica hamata" war allerdings das Tragen einer adäquaten Unterpanzerung. So wissen wir aus Schußexperimenten mit kurz zuvor verstorbenen Schweinen (B.Karger et al., Experimental Arrow Wounds, The Journal of Trauma: Injury, Infection and Critical Care) daß die Schußenergie bei den dort durchgeführten Experimenten jeweils ausreichte, um etwa die Rippen der ungeschützten, jedoch bekanntlich mit einer dickeren Fettschicht umgebenen Tiere, wegzubrechen.
Analog kann davon ausgegangen werden, daß auch im Bauchbereich unter entsprechenden
Voraussetzungen, Rupturen der sogen. parenchymatösen Organe (Leber, Milz, Nieren) durch reine Aufprallenergie, selbst bei fehlender Perforation der Panzerung vorkommen. Rippenfrakturen stellen in diesem Zusammenhang ein eher geringeres Problem dar, reichen jedoch aus, um den Betroffenen für mehrere Wochen gefechtsunfähig zu machen. Aber selbst wenn keine größere Verletzung in der erwähnten Weise aus einem Pfeiltreffer resultiert, würde allein schon die ungedämpfte Energieübertragung als stumpfe Gewalt vom Pfeil auf die Unterlage, eine schmerzbedinge, mehr oder weniger lange dauernde Immobilisierung des Getroffenen bewirken können, was bei Bewegungen in einer gewissen Ordnung -etwa Marschordndung oder Bewegung in einem anderen Verband - bereits ausreichen könnte, um diese empfindlich zu stören.
Darüberhinaus zeigen unsere Untersuchungen, daß selbst bei Perforation des Kettengeflechts, insbesondere durch Projektile mit breiteren (zwei- bzw. dreiflügeligen) Spitzen, eine adäquate Unterpolsterung in vielen Fällen ausreicht, um ein tieferreichendes und damit bedrohliches Eindringen der Pfeilspitze zu verhindern.
Ein schwerwiegender Nachteil des Kettenpanzer besteht allerdings darin, daß ein durchgeschlagenes Projektil nur äußerst schwer wieder entfernt werden kann. In unseren Versuchen gelang dies nur mittels einer gleichzeitigen Zieh-Dreh-Bewegung, wobei unschwer vorstellbar ist, was diese Maßnahme in vivo für den Verletzten bedeutet. Wie dieses Problem in der Antike - und natürlich auch in den nachfolgenden Jahrhunderten - in einer für den Getroffenen erträglichen Weise gelöst wurde, entzieht sich unserer Kenntnis.

Resümierend glauben wir sagen zu können, daß sich aus der von uns gewählten Versuchsanordnung wesentliche Gründe dafür ableiten lassen, warum im Verlauf der römischen Antike der Ketten- u. der diesem nahestehende Schuppenpanzer, spätestens ab dem Beginn des 3. Jhs zunehmend an Bedeutung gewinnen und gleichzeitig der Segmentpanzer aus den Arsenalen verschwindet. Selbstverständlich spielen in diesem Zusammenhang noch wesentliche andere Gründe wie etwa die Änderung der Kriegsführung als solcher, die eine wesentlich höhere Mobilität als in der frühen Kaiserzeit erfordert, eine Rolle; bemerkenswert erscheint jedoch die Tatsache, daß diese Umstellung in der Schutzpanzerung gleichzeitig mit einer zunehmenden Hinwendung zur Bogenwaffe in der römischen Armee in der mittleren und späten Kaiserzeit stattfindet, somit eine gegenseitige Beeinflussung evident erscheint.


Begleittext zur Interpretation der ballistischen Berechnungen:

Graphik "Pfeil 2" Bogen mit 61libs

Zeit(s)

Entfernung(m)

Höhe(m)

Geschw. (m/s)

Energie(J)

0

0,0

1,5

50,0

56,3

1

44,6

5,2

40,6

37,1

2,1

85,9

-1,7

36,1

29,1

 

Graphik "Pfeil 1" Bogen mit 80 libs

 

Zeit(s)

Entfernung(m)

Höhe(m)

Geschw. (m/s)

Energie(J)

0

0,0

1,5

70,0

110,3

1,3

75,7

8,7

50,4

57,24

2,7

137,3

-1,6

41,1

37,9

Die Tabellen `Eingabewerte/Parameter` stellen jeweils die Verhältnisse beim Abschuß zweier identischer Pfeile bez. Gewicht, Länge, Befiederung etc, bei einem Abschußwinkel von 10°, somit einen Horizontalbeschuß simulierend, dar, wenn diese im lufterfüllten Raum bei einer angenommenen durchschnittlichen Luftdichte, sowie einem ebenfalls angenommenen Cw-Wert abgeschossen werden. Im Gegensatz zu den letztgenannten beiden Parametern geben die Pfeilmaße die Daten zu den de facto im Versuch verwendeten Pfeilen wieder.In der Tabelle, die die jeweiligen Zeit-, Flughöhen-, Flugweiten-, Pfeilgeschwindigkeits- u. Energiedaten wiedergibt, ist eine Beschränkung auf nur wenige Meßparameter erfolgt, um eine bessere Übersichtlichkeit zu gewährleisten.

So zeigt sich in der Tabelle zu `Pfeil 2´, daß dieses Projektil, das in etwa 1.5 m Höhe, mit einer Anfangsgeschwindigkeit von 50 m/sec und einer Anfangsenergie von 56.3 Joule, in einem Winkel von 10° abgeschossen wurde, nach einer Flugzeit von 1 sec eine Distanz von 44.6 m, bei einer jetzt noch bestehenden Geschwindigkeit von 40.6 m/sec und einer aktuellen Höhe von 5.2 m vom Erdboden, zurückgelegt hat. Die Pfeilenergie ist mittlerweile auf 37.1 Joule geschrumpft und beträgt beim Aufprall auf den Boden, der nach ca. 2 Sek erfolgt, nur noch 30,1 J..

Im Gegensatz dazu lassen sich aus der Tabelle zu `Pfeil 1´ erheblich andere Verhältnisse erkennen.

So erreicht dieser Pfeil bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 70 m/sec beim gleichen Abschußwinkel eine maximale Weite von ca. 130 m, nach 2 ½  sec und besitzt noch bei 75 m eine Energie von 57 J., was in etwa der Abschußenergie des vorher beschriebenen Pfeiles entspricht.

Während die Bogenleistung bei `Pfeil 2´ bekannt war, nämlich 61 lbs, verfügten wir bedauerlicherweise über keinen Bogen mit einer so hohen Leistung, eine V0 von 70 m/sec hätte erzielt werden können. Es ist jedoch wahrscheinlich erlaubt, hierfür einen Bogen zu postulieren, dessen Auszugsgewicht ca. 80 lbs beträgt, eher etwas mehr.

Die deutlichen Unterschiede der Zeit- u. Entfernungsparameter zwischen beiden Bögen resultieren aus der Formel für die Pfeilenergie

E = m x V2 ( Energie = Masse x Geschwindigkeit zum Quadrat )

In der o.g. Formel geht somit die Geschwindigkeit im Quadrat in die Berechnung ein. Daraus wird plausibel, daß Pfeil 1 noch bei 75 m die gleiche Energie aufweist, wie Pfeil 2 nach ca. 4-5 m. Da mit geeigneten Pfeilen der Kettenpanzer unter den Bedingungen wie sie `Pfeil 2´ wiedergeben, d.h. mit 56 J., deutlich perforiert werden konnte, würde dies bedeuten, daß unter den Voraussetzungen von `Pfeil 1´, also einen Bogen von mindestens 80lbs verwendend, ein entsprechendes Geschoß noch nach einem Flug von etwa 75 m ein Kettenhemd römischer Bauart durchschlagen würde.

Anschriften der Verfasser:

Dr.med. Manfred Klimpel
Kalteneich 16
51645 Gummersbach
Tel: 02261/51702
Email: manfred.klimpel@t-online.de

Ulrich Stehli
Tingslindenstr. 62
58566 Kierspe

Achim Schröder
Gottfried-Claren-Str. 18
53225 Bonn

Hans-Werner Berg
Schwelmer Str. 212 a
42389 Wuppertal

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